Tut ils Premis
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Litteratura

Il premi Terra Nova en la categoria «litteratura» è dotà cun 5’000.- CHF. Undrads vegnan auturas ed auturs che stattan a l’entschatta da lur carriera litterara. Els vegnan premiads per in’ovra litterara persvadenta ed empermettenta en ina da las quatter linguas naziunalas (per regla in’emprima publicaziun).

Per retschaiver quest premi ston las auturas ed ils auturs avair la naziunalitad svizra ubain viver en Svizra dapi almain tschintg onns. I na dat nagina limita da vegliadetgna.
Ediziuns da l’autur/da l’autura na pon betg vegnir resguardadas.

 

MATTEO FERRETTI

Tutto brucia e annuncia

Bellinzona: Edizioni Casagrande, 2019

Argumentaziun da la giuria:

Il libro d’esordio del quarantenne Matteo Ferretti, Tutto brucia e annuncia, edito da Casagrande con le congeniali illustrazioni di Marino Neri e una nota di Fabio Pusterla, si apre con la parola “apocalisse”, vista come una prospettiva tutt’altro che lontana e improbabile: catastrofi naturali o nucleari, strategie del terrore, guerre, “invasioni” di migranti o di profughi e altre distopie da fine del mondo. Ma subito, a contrasto, soccorre il pensiero dell’amore dato e ricevuto, delle pagine dei libri letti con passione, della cura dei figli come forse unica garanzia della continuità della vita e del senso stesso dell’esistere. Vicissitudini collettive di questi ultimi tormentati decenni e private esperienze dell’io lirico si fondono in un libro di grande coerenza strutturale e di meditata sobrietà formale. Con una lingua poetica che rasenta la prosa e al tempo stesso se ne distanzia per il vigore visionario delle immagini e per l’intensità emotiva degli squarci più familiari, Tutto brucia e annuncia segna l’ingresso, nel panorama della letteratura di lingua italiana in Svizzera, di una voce nuova e originale che merita senza dubbio di essere subito segnalata e riconosciuta.

Matteo Ferretti (Correggio, 1979) insegna italiano presso il Liceo 1 di Lugano. ‘Tutto brucia e annuncia‘ è la sua prima raccolta poetica

 

IVNA ŽIC

Die Nachkommende

Berlin: Matthes & Seitz, 2019

Argumentaziun da la giuria:

Ivna Žics beeindruckender Debütroman erzählt von einer dreitägigen Sommerreise, die von Paris nach Zagreb führt und schliesslich in Zürich endet. Die junge Frau reist allein. Doch in ihren Gedanken sind die Anderen da: der Geliebte, ein verheirateter Mann, den sie vor einem Jahr in den Sommerferien kennen lernte und von dem sie sich in Paris jetzt getrennt hat, die Grossväter und Grossmütter und die Familie. Diese bestimmt das eine ihrer zwei Leben, das kroatische, das sie bei Familienanlässen und vor allem in den Sommerferien lebte, währen sich das andere hauptsächlich in Zürich abspielt, wohin sie mit ihren Eltern noch als Kind übersiedelte. Wenn die Ich-Erzählerin sich den Erinnerungen hingibt, lässt sie die Sprache in ebenso kunstvollen wie ungezwungen wirkenden Satzkaskaden strömen. Werden dagegen Beobachtungen und Begegnungen während der Reise notiert, geschieht das in knapperen, konstatierenden Sätzen, was für einen beschwingten sprachlichen Variationsreichtum sorgt. Das Buch kann dem Genre des Migrationsromans zugerechnet werden, der in letzter Zeit schon für etliche literarische Überraschungen sorgte: Es handelt von der Doppelexistenz in zwei Sprachen, der ferngerückten Nähe der Grosselternwelt. Das Thema aber, das es einzigartig macht, ist ein noch universelleres: Erbschaft, die Abhängigkeit von Vorfahren im engen und weiteren Sinn. Die «Nachkommende», als die sie die Protagonisten fühlt, wiederholt bloß, was andere vor ihr taten, kommt dabei aber nur immer zu spät und ist so etwas fehl am Platz. Die körperliche Präsenz der erinnerten Personen, bedrängt sie, verleiht aber dem Text seine aussergewöhnliche Anschaulichkeit: «Schweiß zwischen den Fingern, immer noch Daumen und Zeigefinger, voller Erinnerungen, fünf dieser Finger gehören mir, die anderen fünf Finger tragen nicht meine Geschichte, das sind die mitgegebenen Geschichten der letzten Generationen, die an meinem Körper kleben, dranhängen, als wären sie vergessen, und doch pochen sie jeden Tag, wandern jeden Tag mit […].» (S. 74) Dass die junge Frau in Zagreb ihr Handy klingeln lässt, dem Geliebten und der Familie nicht antwortet, scheint anzukündigen, dass sie künftig den Wiederholungen und der einengenden Geborgenheit besser zu wiedersetzen weiss. Sie reist nicht auf die «Grossmutterinsel», wo man sie als Nachkommende längst erwartet.

Ivna Žic, 1986 in Zagreb geboren, aufgewachsen in Zürich, studierte Angewandte Theater­wissenschaft, Schauspielregie und Szenisches Schreiben in Gießen, Hamburg und Graz. Seit 2011 arbeitet sie als freie Autorin, Dozentin und Regisseurin u. a. am Maxim Gorki Theater, Schau­spielhaus Wien, Luzerner Theater, Schauspiel Essen, Schauspielhaus Zürich, Staatstheater Karlsruhe. Žic erhielt für ihre Texte eine Vielzahl von Stipendien und Preisen. Sie lebt in Zürich und Wien.